Das Immunsystem ist darauf spezialisiert, Infektionserreger zu erkennen und zu bekämpfen. Bei einigen Personen kann es aufgrund von Störungen in der Immunabwehr zu einer verstärkten Infektanfälligkeit und zu schweren Infektionen kommen – sie sind dann an einem Immundefekt erkrankt.
Als Immundefekte wird die Schwäche des körpereigenen Abwehrsystems bezeichnet, bei der angeborene oder erworbene Ursachen dazu führen, dass der Körper Bakterien, Viren oder Pilze nicht richtig bekämpfen kann. Das Immunsystem ist in diesem Fall nicht ausreichend funktionstüchtig.
Eine Abwehrschwäche zeigt sich meist durch wiederkehrende Infektionen, die oft hartnäckiger und langwieriger verlaufen als üblich. Krankheitserreger haben leichtes Spiel, wenn das Immunsystem nicht richtig arbeitet – genau das ist das gemeinsame Merkmal aller Immundefektkrankheiten, unabhängig davon, ob sie angeboren oder im Laufe des Lebens erworben wurden.
Eine frühzeitige Diagnose und Therapieeinleitung ist deswegen für die betroffenen Patienten (über)lebenswichtig. Infektionen gehören zu den weltweit häufigsten Erkrankungen: Ein Immundefekt ist keine Seltenheit – dennoch bleibt er viel zu oft unerkannt, bis irreversibler Schaden entstanden ist. Diese meistens angeborenen genetisch-bedingten Störungen des Immunsystems werden immer noch zu selten diagnostiziert bzw. übersehen, sodass in Deutschland schätzungsweise mehrere Tausend betroffene Patienten ohne Diagnose leben.
Für die fachgerechte Diagnostik und Therapie von Patienten mit angeborenen Immundefekten bedarf es einer spezialisierten Diagnostik, Expertise in der Interpretation von erhobenen immunologischen (das Immunsystem betreffenden) Ergebnissen sowie Erfahrung in der Behandlung der Erkrankungen. Dies ist nur in spezialisierten Zentren oder Kliniken wie der Immundefektambulanz möglich.
Das Team der Immundefektambulanz des Institut für Klinische Immunologie des Marien Hospital Herne ist darauf spezialisiert, Störungen im Immunsystem schnell und spezifisch zu erkennen und nach Möglichkeit durch medikamentöse Therapie gezielt zu therapieren.
Durch diese individuell angepasste Immuntherapie kann die Häufigkeit und die Schwere von Infektionen deutlich reduziert werden. Auch weitere mit dem Immundefekt auftretende Komplikationen können minimiert werden.
Das Immunsystem setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen, die einander in ihrer Funktion unterstützen. Weiße Blutkörperchen, Phagozyten, Abwehrstoffe (Immunglobuline) und das Komplementsystem gehören dazu. Letzteres umfasst über 25 Proteine, die im Blutplasma zirkulieren und einen wesentlichen Bestandteil des angeborenen Abwehrsystems darstellen. Ein Immundefekt kann eines oder mehrere dieser Systeme beeinträchtigen.
Immundefekte können in verschiedenen Formen auftreten. Primäre Immundefekte (PID) entstehen durch genetische Ursachen und sind angeboren. Sekundäre Immundefekte hingegen entwickeln sich im Laufe des Lebens – ausgelöst etwa durch Tumorerkrankungen, immunsuppressive Therapien oder chronische Infektionen, wie z. B. HIV. Beide Formen können das Immunsystem so schwächen, dass selbst alltägliche Erreger zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.
Ein primärer Immundefekt ist angeboren und durch genetische Ursachen entstanden.
Die Häufigkeit wird oft unterschätzt: Etwa 1 von 500 Personen ist an einem klinisch relevanten primären Immundefekt erkrankt. Sekundäre Immundefekte nehmen darüber hinaus stetig zu. Zusammengenommen betrifft das Spektrum der Immundefektkrankheiten eine erheblich größere Patientengruppe, als lange angenommen.
Immundefektkrankheiten äußern sich in einem breiten Spektrum an Beschwerden – und werden deshalb häufig erst spät erkannt. Die häufigsten Symptome, die auf einen angeborenen Immundefekt hinweisen, sind:
Hinzu kommt, dass Immundefektkrankheiten häufig zusammen mit Autoimmunreaktionen auftreten. Dieses Zusammenspiel erschwert es erheblich, die eigentlichen Alarmsignale des Immundefekts frühzeitig zu erkennen und richtig einzuordnen. Wer mehrere dieser Symptome regelmäßig beobachtet, sollte eine spezialisierte Abklärung nicht aufschieben.
Zu den häufigsten Symptomen eines Immundefekts zählen langanhaltende Infektionen der Luftwege.
Immundefekte werden oft erst erkannt, wenn sich Warnsignale häufen. Kriterien, die den Weg zur Diagnose von Immundefektkrankheiten verkürzen können, bietet das sogenannte ELVIS-Schema.
Das ELVIS-Schema fasst die wichtigsten Alarmsignale zusammen:
Trifft mindestens eines dieser Merkmale regelmäßig zu, sollte eine spezialisierte Abklärung nicht weiter aufgeschoben werden.
Die Diagnose eines angeborenen Immundefektes basiert auf einer Spezialdiagnostik. Aktuell sind mehr als 200 Arten von primären Immundefekten bekannt, deren Diagnostik sehr komplex ist.
Die diagnostischen Maßnahmen beinhalten drei Hauptsäulen:
Neben den oben beschriebenen Leitsymptomen, die für eine erhöhte Infektanfälligkeit sprechen, gibt es eine Reihe immunologischer Tests, die nur in spezialisierten Laboratorien durchgeführt werden können. So kann die Anzahl und die Zusammensetzung verschiedener Typen von Immunzellen sowie deren funktionelle Eigenschaften untersucht werden.
Da den Immundefektkrankheiten genetische Mutationen zugrunde liegen, kann eine molekular-genetische Diagnosebestätigung der immunologischen Diagnostik angeschlossen werden. Zu den Vorteilen einer genetischen Diagnosebestätigung zählen u.a.
Bei Patienten mit Immundefekt kommen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten infrage. Um die Möglichkeiten weiterauszubauen, werden stetig weitere Therapieformen erforscht.
Zu den wichtigsten Meilensteinen in der Therapie von Immundefekten zählen die Einführung der Fremdspende-Knochenmarktransplantation und der Antikörperersatztherapie. Die Knochenmarktransplantation wird nur bei sehr schweren Formen der Immundefekte vorgenommen und überwiegend im frühen Kindesalter durchgeführt. Dabei werden blutbildende Stammzellen auf den Patienten übertragen, um das kranke oder zerstörte blutbildende System zu ersetzen.
Die Antikörpertherapie, die sogenannte „Immunglobulintherapie“, ist die wichtigste Therapie-Option bei einem Großteil der Immundefekterkrankungen im Erwachsenenalter. Bei der Antikörpertherapie werden künstlich hergestellte Antikörper zur Behandlung eingesetzt. Diese Ersatztherapie erlaubt den meisten Patienten mit einem angeborenen Antikörpermangelsyndrom (einer Schwäche des Immunsystems, bei der der Körper zu wenige Abwehrstoffe bildet), ein weitgehend normales Leben zu führen.
Aktuell wird sehr intensiv an der Entwicklung von zellulären Therapieformen für Patienten mit Defekten in Immunzellen gearbeitet. In Kooperation mit spezialisierten Zellkultur-Laboratorien werden individuell angepasste Immunzelltherapien entwickelt und als einzelne Heilversuche durchgeführt. Außerdem können auch biologisch aktive Substanzen und Faktoren, die die Vermehrung und Reifung bestimmter Immunzellen unterstützen, zum Einsatz kommen.
Neben der sog. Substitutionstherapie (der äußeren Zufuhr von Substanzen als künstlicher Ersatz fehlenden Antikörper beim Patienten) versucht man Störungen im Immunsystem ursächlich, d. h. kausal anzugehen. Insbesondere seit die molekular-genetische Grundlage, die für die Entwicklung von Immundefekten verantwortlich ist, entdeckt wurde, wird an der Gentherapie sehr intensiv geforscht.
Das Ziel zahlreicher Forschungsprojekte ist die vorliegenden Mutationen durch die sogenannte „Gen-Chirurgie“ zu beseitigen. Die Therapie ist so aufgebaut, dass körpereigene Stammzellen im Reagenzglas korrigiert und anschließend dem Patienten zurücktransplantiert werden. Dabei soll eine gesunde Kopie des verantwortlichen krankheitsbezogenen Gens hinzugefügt werden. Die wichtigste technische Herausforderung bestand bis jetzt darin, das normale Gen effektiv und nicht-toxisch in die Stammzellen einzuführen, ohne dass diese ihre Stammzellkapazität für die lebenslange Produktion von multiplen Blutzellen verlieren. Über zwei bis drei Jahrzehnte wurden solche Techniken entwickelt und in klinischen Studien für eine wachsende Anzahl von Krankheiten verwendet.
Für Patienten mit Defekten in Immunzellen wird an einer zellulären Therapieform gearbeitet.